Online-Casinos: 120 illegale Internetseiten sprechen deutsche Spieler an

Online-Casinos: 120 illegale Internetseiten sprechen deutsche Spieler an

Online-Casinos: Spielsüchtige weichen verstärkt auf Anbieter ohne gültige deutsche Lizenz aus, um den Spielerschutz und Limits zu umgehen. Ein Netzwerk von rund 120 Glücksspielseiten soll dabei laut einem Bericht von Tagesschau gezielt deutsche Spieler ansprechen. Der Kopf hinter dem Netzwerk: Ein Israeli mit ukrainischen Wurzeln.

Spieler mit Suchtverhalten nutzen oftmals zunächst legale Webseiten mit einer offiziellen Lizenz der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Anbieter dieser Art nennt die GGL auf ihrer Whitelist und nennt als Beispiele Tipico und bwin. Dabei bleibt es aber nicht, lassen sich die betroffenen Spieler aufgrund ihrer Sucht in Deutschland sperren, weichen sie oft aus illegale Angebote aus, die Spielerschutz und Limits zumeist ignorieren.

Illegale Online-Casinos von Israeli mit ukrainischen Wurzeln

Der Bayerische Rundfunk hat bei koordinierten Recherchen gemeinsam mit Investigate Europe und internationalen Partnermedien ermittelt, dass der in Zypern und Malta ansässige Glücksspielkonzern Soft2Bet mit seinem Gründer Uri Poliavich hinter zahlreichen illegalen Online-Casinos steckt, die Spielern aus Deutschland und zahlreichen anderen Ländern Hunderte Millionen Euro aus der Tasche ziehen.

Soft2Bet selbst auf seinen Internetseiten elf legale Glücksspiel-Marken, die in Ländern wie Dänemark, Schweden und Rumänien lizenziert und auch nur dort erreichbar sind. Interne Listen, die Investigate Europe zugespielt wurden, zeigen jedoch, dass das Unternehmen daneben für viele weitere Casino-Webseiten die Infrastruktur zur Verfügung stellt. Rund 120 davon sind auch von Deutschland aus erreichbar, ohne die erforderliche Lizenz zu haben. 37 Casino-Webseiten, darunter die Seiten „Wazamba“ und „Rabona“ werden als „interne Marke“ geführt.

Glücksspielkonzern Soft2Bet mit dem Gründer Uri Poliavich

Den Unterlagen kann zudem entnommen werden, dass Soft2Bet und verbundene Unternehmen von 2020 bis 2024 mehr als 600 Millionen Euro aus Geschäften mit illegalen Casinos erhalten haben. Tausende Seiten an Dokumenten zeigen, wie ein Netzwerk von Briefkastenfirmen und Zahlungsdienstleistern das Geld zu Soft2Bet leitet.

Eine BR-Auswertung von Daten des Web-Analysedienstes Similarweb legt nahe, dass von Soft2Bet betreute unlizenzierte Casinos alleine im Mai 2026 insgesamt etwa acht Millionen Aufrufe aus Deutschland verzeichneten. Nach Angaben des Bundessuchtbeauftragen leiden in Deutschland hochgerechnet etwa 1,3 Millionen Erwachsene „unter einer Störung durch Glücksspielen“. Suchtexperten warnen zwar auch vor legalen Glücksspielangeboten, auf dem illegalen Markt würden Spielsüchtige aber häufig von sogenannten VIP-Beratern zum Weiterspielen animiert.

Suchtspieler werden dazugedrängt, endlich weiterzuspielen

Mehrere Soft2Bet-Insider, mit denen das Reporterteam sprechen konnte, berichten: „Es war gängige Praxis, die Konten von Spielern wiederzueröffnen die sie wegen ihrer Sucht bereits geschlossen hatten. Man sendete ihnen SMS, E-Mails mit Boni und dann spielten sie wieder“, sagte eine für Marketing zuständige Person. Mehrere Insider berichteten von Telefongesprächen mit verzweifelten Spielern, die androhten, sich etwas anzutun.

Spieler aus mehreren europäischen Ländern bestätigen dem Rechercheteam, am Telefon regelrecht bedrängt worden zu sein, weiterzuspielen. Soft2Bet teilt auf Anfrage mit, man sei darauf fokussiert, verantwortungsvoll und in Übereinstimmung mit den jeweils geltenden rechtlichen und regulatorischen Vorgaben zu operieren und halte „robuste Compliance- und Governance-Prozesse“ vor. Gleichzeitig drohte ein Anwalt im Namen von Soft2Bet mit rechtlichen Schritten.

Suchtbeauftragte Streeck spricht von Organisierter Kriminalität

Der Gründer von Soft2Bet, Uri Poliavich, Israeli mit ukrainischen Wurzeln, inszeniert sich als erfolgreicher Tech-Investor und Philanthrop. Die internen Dokumente zeigen, dass Poliavich allein im Jahr 2024 mehr als 100 Millionen Euro von Soft2Bet bekommen hat. Die Soft2Bet-Insider berichten außerdem von Luxuswagen und ausschweifenden Partys in Dubai für Angestellte. 2020 gründete Poliavich die Yael Foundation, eine Organisation, die nach eigenen Angaben jüdische Bildungseinrichtungen weltweit unterstützt. Auch mehrere Einrichtungen in Deutschland erhielten demnach Zahlungen der Stiftung, insbesondere Sonntagsschulen, die zur orthodoxen Chabad-Strömung gehören.

Die Yael Foundation ließ auf Anfrage unbeantwortet, ob auch Einnahmen aus mutmaßlich illegalem Glücksspiel in Bildungsprojekte fließen. In einem Statement ist die Rede von einer „Welle anklagender Medien-Anfragen“. Sämtliche Aktivitäten der Stiftung in Zusammenarbeit mit Schulen weltweit erfolgten unter strikter Einhaltung der geltenden Gesetze und Vorschriften. Der Suchtbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck (CDU) hingegen spricht beim illegalen Glücksspiel von Organisierter Kriminalität.

Quellenangabe: Tagesschau