Werbung und Pandemie heizen Spielsucht an

Boris Raczynski

Online-Casinos: Werbung und Pandemie heizen Spielsucht an

Online-Casinos: Betreiber von digitalen Casinos in der Schweiz dürfen seit 2019 Werbung schalten. Suchtexperten waren auch wegen Corona vor mehr Spielsüchtigen. Die Coronapandemie treibt immer mehr Menschen in die Spielsucht. Diese Erfahrung macht auch Franz Eidenbenz, Behandlungsleiter im Zentrum für Spielsucht Radix in Zürich: „Wir sind ausgelastet und haben Wartelisten.“

Viele Spielsüchtige haben mehrere zehntausend Franken Schulden, bis sie sich Hilfe holen. Rund drei Prozent der Schweizer Bevölkerung – knapp 200’000 Menschen – zeigen gemäss der letzten Gesundheitsbefragung des Bundes von 2017 ein risikoreiches oder krankhaftes Glücksspielverhalten. Das Risiko, bei Online-Spielen süchtig zu werden, ist gemäss Studien um ein Vielfaches höher als in realen Casinos.

Online-Casinos als Gewinner der Corona-Pandemie

Ob im TV, Internet, als Online-Artikel getarnt oder auf Plakaten: Stets lockt die Online-Geldspielwerbung mit Boni und schnellen Gewinnen. Einschränkungen für Schweizer Casino-Werbung gibt es kaum. Das Geldspielgesetz von 2019 schreibt vor: „Veranstalterinnen von Geldspielen dürfen nicht in aufdringlicher oder irreführender Weise Werbung betreiben.“

Zu schwammig sei das geltende Gesetz formuliert, kritisiert Verhaltenssuchtexperte Renanto Poespodihardjo von den psychiatrischen Universitätskliniken Basel. Viele Online-Casino-Werbungen würden genau auf Spielsuchtgefährdete abzielen. Der Psychologe warnt: „Das ist hochproblematisch.“ Zahlen zeigen: Die Werbepräsenz Schweizer Online-Casinos hat ausgerechnet mit dem Pandemie-Beginn stark zugenommen.

Werbung und Lockdown heizen Spielsucht weiter an

Betroffene kritisieren: Der Spielerschutz sei auch bei Schweizer Online-Casinos unzureichend: „Von den Casinos kam gar nichts. Ich habe mich selbst sperren lassen“, so ein ehemaliger Spielsüchtiger. Die Spielsperre allein schütze zu wenig, hält Therapeut Franz Eidenbenz fest: „Je nachdem spielen die Betroffenen dann an einem anderen Ort weiter.“

Für Verhaltenssuchtexperte Renanto Poespodihardjo ist klar, dass Werbung für Online-Casinos so nicht mehr länger erlaubt sein sollte. „Wir haben hier ein psychoaktives Produkt, das Geldspiel. Die Werbung müsste genau wie Alkohol oder Tabak auch reguliert werden. Sowohl inhaltlich, bei der Menge und betreffend Platzierung.“

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